Talent is luck, the important thing in life is courage

Träume und Talente – auf wen hört man bei der Jobsuche?

Ich war schon immer vielseitig interessiert. Ich hatte auch schon immer viele Träume und Talente. Beim Sport konnte ich mich nie entscheiden, was ich jetzt machen möchte, deswegen habe ich meine Sportarten fröhlich durchgewechselt.

Aufgewachsen in einem kleinen Dorf in Oberbayern, wollte ich natürlich immer zum Trachtenverein. Aber meine Mama war dann doch dafür, das Kind in die Ballettschule zu schicken. Das hat auch einige Jahre Spaß gemacht, bis wir jahrelang nur noch die gleiche alte Ballettlehrerin hatten, die einem die Übungen nicht einmal mehr selbst vormachen konnte, weil ihre Füße so verhutzelt waren. Und dann fing es richtig an – vom Modern Dance, über Einradfahren im Verein bis hin zu Capoeira und Tango tanzen hab ich so einiges gemacht. Ich hab nicht aufgehört, weil mir etwas keinen Spaß mehr gemacht hätte, zumindest nicht grundsätzlich. Ich habe eher aufgehört, weil ich etwas Neues ausprobieren wollte. Stehen zu bleiben ist meine persönliche Horrorvorstellung.

Deswegen könnte ich mir auch keinen Job vorstellen, bei dem ich am Schreibtisch sitzen und jeden Tag das Gleiche machen muss. Überhaupt Bürojobs sind nichts für mich.

Was will ich werden?

Als ich mit meinem Studium angefangen habe, dachte ich nie, dass ich jemals dort enden könnte, wo ich jetzt bin – beim Film. Ich habe angefangen TV-Journalismus zu studieren, weil ich nicht so richtig wusste, was ich machen will. Ich wusste nur, dass ich mir kein trockenes Studium vorstellen kann, bei dem man überhaupt keinen Praxisbezug hat. Außerdem hat meine Mama gemeint, ich müsste etwas aus meinem Schreibtalent machen. Deswegen ist es dann das Studium an der Medienakademie in München geworden. Und ich hab es bis jetzt keinen Tag bereut.

Nach dem dritten Semester TV-Journalismus habe ich beschlossen zu den Sportjournalisten zu wechseln. Ich hatte das Gefühl, eine Spezialisierung nach der journalistischen Grundausbildung könnte nicht schaden. Hat es auch nicht, es hat aber auch nicht wirklich etwas gebracht, außer einer wahnsinnig coolen und spannenden Zeit bei „Deporte Total“ bei ATB in La Paz, Bolivien, die ich meiner bolivianischen Gastfamilie zu verdanken habe.

Muss der Master wirklich sein?

Nachdem ich dann aus Bolivien wieder zurück war und meinen Bachelor abgeschlossen hatte, drängte mich meine Mama darauf, doch noch ein Masterstudium anzuhängen. Ich würde es noch bereuen, keinen Master gemacht zu haben. Also habe ich nach einem Master Ausschau gehalten, der mich auch interessierte. In Passau wurde ich dann fündig. Zwei Master hatten es mir angetan: Der eine hatte auch tatsächlich was mit meinem Bachelor zu tun: Medien und Kommunikation wäre der Master meiner Wahl gewesen. Es gab nur einen Haken, ich musste eine Aufnahmeprüfung machen. An sich ja wirklich kein Problem: Prüfung machen und im Idealfall bestehen und zack hat man den Studienplatz.

In meinem Fall war das aber leider ein Ding der Unmöglichkeit: Ich hatte momentan einen Job bei einer Filmproduktion und meinen gesamten Urlaub schon zum Schreiben meiner Bachelorarbeit aufgebraucht. Folglich war es mir nicht möglich, an einem Freitag mittags nach Passau zu fahren und den Aufnahmetest zu absolvieren. Eine andere Möglichkeit bzw. einen anderen Termin dafür gab es leider nicht. Vielleicht hätte ich einfach mit meinem damaligen Chef reden sollen; der hätte bestimmt Verständnis gehabt. Aber ich hab es mich einfach nicht getraut.

Der Zufall ist mein liebster Begleiter

Also blieb mir nichts anderes übrig, als mich für den anderen Masterstudiengang einzuschreiben: North and Latin American Studies. Den Studiengang habe ich nicht unbedingt gewählt, weil ich so wahnsinnig interessiert an lateinamerikanischer Politik und der nordamerikanischen Wirtschaft war, sondern allein deshalb, weil man gezwungenermaßen laut Studienordnung ein Semester in Lateinamerika verbringen musste. Für mich als eingefleischten Südamerikafan natürlich ideal.

Wer mich danach fragt, was man denn mit diesem Studiengang anfängt, was man damit arbeiten kann, dem muss ich heute noch sagen: ich habe keine Ahnung. Aber ich habe den Studiengang gewählt, um meine Träume und Talente ausleben zu können – ein weiteres halbes Jahr in Südamerika und mein Sprachtalent ausleben.

Bei meiner Jobsuche hat es mich auf jeden Fall nicht weitergebracht. Kann natürlich sein, dass ich in den falschen Bereichen gesucht habe. Dass ich nach einem Job gesucht habe, bei dem mir dieses Studium überhaupt nichts bringt. Aber alle Jobangebote bei denen mir dieses Studium etwas gebracht hätte, waren mir irgendwie zu langweilig.

Und wieder der Zufall

Und ich hatte es nicht nötig, intensiv nach einem Job zu suchen. Nachdem ich aus meinem Auslandssemester in Argentinien zurückgekehrt war, hatte ich einen Anruf von meinem ehemaligen Chef bekommen, Szenenbildner bei den Rosenheim Cops. Seine Assistentin hatte sich die Hüfte gebrochen und deshalb suchte er ganz dringend einen Ersatz auf der Position der Ausstattungsassistenz. Ich war jung und brauchte das Geld und außerdem machte mir die Arbeit sehr viel Spaß, also hatte ich natürlich zugesagt.

Weil ich jobtechnisch versorgt war, wollte ich es mit der Suche nach einem dauerhaften Job ruhig angehen lassen und mich nur auf die Stellenangebote bewerben, die mir wirklich zusagten.

Leider hat das nicht so gefruchtet, wie ich das erhofft hatte. Ich habe einige Bewerbungen verschickt, aber immer nur Absagen erhalten. Keine einzige Einladung zu einem Vorstellungsgespräch. Das frustriert und deswegen hatte ich dann keine Lust mehr, mich weiter auf Jobs zu bewerben.

Was bringen mir alle meine Träume und Talente, wenn mir keiner einer Chance gibt, mich zu beweisen?

Ich beschloss, so lange beim Film zu bleiben, bis ich keine Lust mehr darauf hätte. Ende 2017 war es dann so weit. Das Projekt, bei dem ich beschäftigt war, war so beschissen, dass ich nicht mehr weiter beim Film arbeiten wollte. Ich bewarb mich bei einem Reise-Startup in München, die mich tatsächlich nicht nur zum Telefoninterview, Vorstellungsgespräch und Probe arbeiten einluden, sondern die mich sogar tatsächlich einstellen wollten.

Veränderung – oder doch nicht?

Das Gehalt wäre definitiv ein Rückschritt gewesen, im Vergleich zu dem, was ich mittlerweile als Außenrequisiteurin verdiente. Außerdem boten sie mir nicht den Job an, auf den ich mich eigentlich beworben hatte, sondern eine Assistenzstelle. Manche werden sagen, ich hätte doch damit zufrieden sein müssen, schließlich hatte ich ja keine Erfahrung. Aber ich gebe mich nur ungern mit der zweiten Wahl zufrieden. Zudem war ich damals in einem Network-Marketing Unternehmen involviert, das selbst Reisen vermarktete und ich hoffte noch auf meinen großen Durchbruch. Ehrlich wie ich war, hatte ich der Firma Bescheid gesagt, dass ich das nebenher mache. Sie wollten es mir verbieten, weil ich ja dann quasi für die Konkurrenz tätig wäre und Kunden abwerben könnte. Im Endeffekt war aber der eigentlich größte Grund, warum ich letztlich doch absagte, dass ich mir nicht vorstellen konnte, die nächsten Jahre in einem Büro zu verbringen. Den ganzen Tag am Schreibtisch zu sitzen und Leuten Reisen zusammenzustellen, auf die ich selbst nie gehen könnte.

Meine Mama hatte dafür eher weniger Verständnis; seit Jahren liegt sie mir in den Ohren, ich würde meine Träume und Talente vergeuden, wenn ich beim Film in der Ausstattungsabteilung weiterarbeite. Ich sollte mein Sprachtalent ausleben – Schreiben, aber nicht meine Zeit damit verbringen, egozentrischen Regisseuren alles Recht machen zu wollen.

Meine Mama ist noch vom alten Schlag: Eine Ausbildung machen oder Studieren und dann einen Job finden und am Besten bis zum Lebensende bei einer Firma bleiben. Dass das heutzutage nicht mehr wirklich so funktioniert, hat sie noch nicht ganz verstanden. Versteht mich nicht falsch, ich liebe meine Mama, aber bei diesem Thema kommen wir auf keinen grünen Zweig.

Gutgemeinte Ratschläge

Natürlich will sie nur mein Bestes und ich rechne ihr das auch hoch an, aber dass mir mein Job Spaß macht, obwohl ich keinen festen Arbeitsplatz habe und mich ständig um ein neues Projekt bemühen muss, das kann sie nicht nachvollziehen.

Dabei ist es genau das, was den Reiz an der Arbeit beim Film und vor allem in der Ausstattungsabteilung ausmacht. Dass man eben nicht immer beim selben Projekt ist und sich deswegen ständig mit neuen Themen auseinandersetzen muss. Heute richtet man noch ein Polizeirevier ein, morgen beschäftigt man sich mit Thanatologie und Bestattungsunternehmen und übermorgen versucht man, ein Altenheim möglichst authentisch zu erzählen.

Einmal spielt der Film in der Gegenwart, dann in der Vergangenheit und das nächste Mal vielleicht in der Zukunft. Mal spricht man eine weibliche Zielgruppe an, mal die Senioren und dann die Kinder.

Ständig muss man sich in neue Situationen hineinversetzen, versuchen das Thema originalgetreu wiederzugeben und nicht ins unrealistische abzudriften.

In der Ausstattung sind wir wie Chamäleons. Wir müssen uns an neue Umstände anpassen und versuchen eben nicht aufzufallen. Und dabei kommen wir mit den interessantesten Leuten in Kontakt und lernen jeden Tag dazu.

Wer hat Recht – Mutti oder ich?

Ich denke nicht, dass ich meine Träume und Talente vergeude. Ich habe als Requisit schon ganze Theaterstücke geschrieben, nur weil ich unglaublich viel Spaß daran habe, Texte zu schreiben. Die Zeitungsartikel könnten alle insertiert werden, wenn das jemand wollte, weil jeder Artikel einigermaßen sinnvoll ist und eben nicht nur mit sinnfreiem Fülltext beschrieben.

Auch wenn ich weiß, dass die Zuschauer niemals die Texte lesen werden, freu ich mich doch immer darüber, wenn meine Kollegen das wertzuschätzen wissen.

Das schönste Kompliment habe ich immer noch von einem Schauspieler aus dem Hauptcast der Garmisch Cops bekommen: Die Rolle des besagten Schauspielers wollte sich zum Präsidenten des Golfclubs wählen lassen und deswegen war im Vorfeld der Wahl in der lokalen Zeitung ein großer Artikel über ihn erschienen. Nachdem meine Kollegen wussten, dass ich ganz gut im Artikel schreiben bin, wurde mir diese Aufgabe zuteil und mit den Infos aus dem Drehbuch und ein bisschen Fantasie bastelte ich ein ganzes Interview mit dem zukünftigen Golfclubpräsidenten.

Am Drehtag drückten wir dem Schauspieler dann die Zeitung in die Hand und anscheinend hat er sich tatsächlich die Zeit genommen, auch zu lesen, was wir über ihn geschrieben hatten. Anschließend kam er zu mir und wollte wissen, wer denn den Artikel verfasst hatte. Nachdem ich ihm gesagt hatte, dass ich das war, lief er am Set rum und erzählte jedem, der es wissen oder auch nicht wissen wollte, dass ich das geschrieben hätte und jeder das doch lesen müsste.

Wertschätzung macht glücklich

So eine Wertschätzung bekommt man zwar nicht jeden Tag, egal wie viele Stunden man investiert, um vielleicht den perfekten Koffer zu finden und das Foodtruck Modell noch ein bisschen schöner zu machen, aber wenn man sie bekommt, freut man sich umso mehr.

Ich möchte das nicht missen; ich möchte auch nicht missen, mich jeden Tag mit einer neuen Situation auseinandersetzen und spontan auf unvorhergesehenes reagieren zu müssen, auch wenn es manchmal furchtbar anstrengend ist und man am Liebsten alles hinschmeißen möchte.

Das schöne an der Arbeit ist, dass man jeden Tag, das Ergebnis seiner Bemühungen direkt vor Augen hat und immer ganz genau weiß, was man geleistet hat.

Und auch wenn meine Mama sich immer noch nicht damit abgefunden hat, bleibe ich noch so lange beim Film, bis ich endgültig etwas anderes gefunden habe, das mir genauso viel Spaß macht.

Trau dich, deine eigenen Entscheidungen zu treffen

Wir sind hier, um unser Leben so zu leben, wie wir es wollen und nicht wie jemand anderes denkt, wir müssten es leben. Wir müssen unsere Träume und Talente so einsetzen, wie wir es uns vorstellen. Wie schon gesagt, unsere Eltern meinen es meistens nur gut mit uns, aber letztendlich sind wir es, die dieses Leben führen müssen und damit glücklich werden. Und da müssen wir auf uns selber hören und danach suchen, was für uns das Beste ist, selbst wenn das vielleicht nicht der Norm entspricht.

Was sind deine Träume und Talente? Was möchtest du machen? Wobei sagst du: unicorn me?

Liebes Unicorn, was hältst du davon?